Interdisziplinäre Projektgruppe "Autorative Schriften" (NT/AT) - 2021-2023

 Autoritative Schriften!? 
Prozesse und Debatten zur Autorisierung jüdischer und christlicher Grundlagentexte in der Antike 

 Im antiken Judentum und im entstehenden Christentum haben „Schriften“ und Schrif-tensammlungen fundamentale Bedeutung für Praxis und Selbstverständnis religiöser Gemeinschaften. Sie gelten als normativ, z.T. als „heilig“; ihnen eignet also autoritative Bedeutung. Dabei wird die Autorität dieser Schriften(sammlungen) einerseits in den Texten selbst beansprucht, andererseits den Texten von denen, die sie lesen, zuge-schrieben – oder auch bestritten. 

Die geplante Projektgruppe soll die Prozesse und Debatten, die die sukzessiv erfol-gende Autorisierung jüdischer und christlicher Grundlagentexte in der Antike bestimmt haben, untersuchen. Im interdisziplinären Gespräch gilt es der Doppelfrage nachzu-gehen, 

  •  auf welche Weise solche Texte Autorität gewinnen oder konstruieren und 
  •  welchen textinternen oder textexternen Größen dabei Autorität attestiert oder zu-geschrieben wird.  

Im Einzelnen leiten uns folgende übergreifende Fragestellungen: 

  •  Welche Inhalte und welche Formen (Narration, Frage-Antwort-Zusammenhang, Rede, Disput, Spruch etc.) zeichnen autoritative Schriften aus? 
  •  Welche Funktionen nehmen autoritative „Schriften“ wahr – im Verhältnis zu Gott, im Binnenleben einer religiösen Gemeinschaft, in der ggf. auch kritischen Begeg-nung mit anderen Gruppen? 
  •  Wer sind die eigentlichen personalen Träger der Autorität: Autoren(gruppen), Schreibgemeinschaften, Textfiguren (etwa aus der Geschichte oder aus der himm-lischen Welt), Interpreten …? 
  •  Mit welchen Verfahren wird Autorität erzeugt oder zugebilligt: Verschriftlichung, Tradierung, Fortschreibung, (personale) Zuschreibung, Verwendung, Auslegung …? 
  •  Welche Rolle spielt in diesem Kontext gelehrte Deutung und Kommentierung (bis hin zur Rezeptionsanweisung), in mündlicher wie in schriftlicher Form? 
  •  Welches Wechselverhältnis besteht zwischen Autorisierungsstrategie, interkultu-rellem Austausch und der Auseinandersetzung um Glaubens- und Praxisfragen? 
  •  An welchen Orten und/oder in welchen Lebenszusammenhängen wird die Autorität solcher „Schriften“ geltend gemacht? 
  •  Welche Stufen innerhalb von Autorisierungsprozessen lassen sich identifizieren? 
  •  Mit welchen textexternen Mitteln wird ein Anspruch auf Autorität ggf. propagiert und durchgesetzt? 

Mit diesem Programm knüpft die Projektgruppe an die lange Tradition biblisch-theolo-gischer Projektgruppen in der Wissenschaftlichen Gesellschaft an, öffnet die Arbeit aber programmatisch mit Blick auf die nicht kanonisch gewordene antik-jüdische und frühchristliche Literatur, für deren Verständnis die Autoritätsfrage ihrerseits von emi-nenter Bedeutung ist. Dementsprechend werden konsequent auch englischsprachige Beiträger*innen in die Tagungsplanung einbezogen. 

Die Arbeit der Projektgruppe soll sich in einer Reihe von drei Fachtagungen vollziehen. So können die Beteiligten diverse alt- und neutestamentliche Schriften(gruppen) sowie weitere antik-jüdische und frühchristliche Texte vergleichend auf die Themenstellung hin untersuchen. Geplant ist eine methodologisch orientierte Gliederung der Arbeit, indem zunächst Ansätze zur Selbstautorisierung, sodann Autoritätszuschreibungen durch Rezeption und schließlich Vorgänge der Behauptung und Bestreitung von Auto-rität im Zuge von Debatten zwischen verschiedenen Tradentengruppen in den Blick genommen werden. 

Die erste Tagung soll vom 1. bis zum 3. März 2021 an bewährtem Ort stattfinden: auf der Ebernburg bei Bad Münster am Stein. 

Die wissenschaftliche Leitung der Projektgruppe liegt bei Prof. Dr. Lutz Doering (Neues Testament und antikes Judentum, Universität Münster), Prof. Dr. Marianne Grohmann (Altes Testament, Universität Wien) und Prof. Dr. Florian Wilk (Neues Testament, Uni-versität Göttingen). 

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