Kirchengeschichte

Antrag zur Einrichtung eines Arbeitskreises der Sektion Kirchengeschichte der Wiss.Gesellschaft für Theologie e.V.

"Predigt im Krieg"

Prof. Dr. Markus Wriedt

2016-2018

 

Im konfessionellen Bewusstsein evangelischer Christen, freilich auch in deren Außenwahrnehmung, vollzieht sich ein wesentlicher Teil kirchlich-religiöser Kommunikation v im Medium der Predigt. Gleichwohl ist diese Quellengattung bisher nur selten oder gar nicht als historische Quelle und veritables Genre tagesaktueller Zeit- und Wirklichkeitsinterpretation traktiert worden. Unter Rückgriff auf das Schwerpunktthema der wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie- Sektion Kirchengeschichte 2008: -soll dieses Desiderat der kirchen-und theologiegeschichtlichen Forschung im Rahmen einer interdisziplinären Arbeitsgruppe und einer anschließenden Publikation aufgearbeitet werden. Schwerpunkt der beantragten Forschungsinitiative ist die Entwicklung eines innovativen methodischen Zugangs zu einem bisher nur wenig von der Historiographie erschlossenen Quellencorpus.

Wie kaum eine andere Quelle ist die kirchliche Predigt im gesamten europäischen Raum nachgewiesen. Wiewohl von zahlreichen nationalen, konfessionellen, territorialen und weiteren Bedingungen geprägt, eignet sich diese Quellengattung in besonderer Weise dazu, transnationalen Fragestellungen nach zu gehen. Die Untersuchung von Predigten erlaubt die differenzierte Rekonstruktion von kirchlich religiösen Aussagen zum Zeitgeschehen, damit verbunden aber auch zu den Kommunikationsstrukturen im Medium  der Predigt und ihrer Transformation im Zuge der vielfältigen  und nicht-institutionellen Prozesse der Etablierung konfessioneller Identität im laufe der Jahrhunderte. Die Fragestellungen, die im Rahmen der geplanten Forschungsinitiative erarbeitet werden sollen, eignen sich besonders für die interdisziplinäre Arbeit, da die Bedeutung dieser Quellengattung im fachwissenschaftliehen Diskurs nur sehr vorläufig erschlossen werden konnte. Die im Zuge der Tagung zu leistende Methodenreflektion bietet zahlreiche Anschlussmöglichkeiten zu fachspezifischen Forschungsvorhaben und -projekten.

Die Arbeitsgruppe trifft sich etwa einmal im Jahr und hält interdisziplinäre Kolloquien ab,deren Ergebnisse nach einer gründlichen Überarbeitung veröffentlicht werden. Es geht weniger um die Zusammenstellung einer Vielzahl von materialen Untersuchungen, als vielmehr darum, einen interdisziplinären methodischen Zugriff zu entwickeln,der sich auch jenseits dieser Initiative für weitere Forschungsarbeiten eignet. Auch wenn die Kolloquia auf Impulsreferate nicht verzichten kann,soll doch ein großes Zeitkontingent dem wissenschaftlichen Austausch und interdisziplinären Gespräch vorbehalten  bleiben.

Folgende Fragen stehen dabei im Vordergrund:

1.   die Predigt in Rede und Schrift -hermeneutische Vorüberlegungen:

Geht man einmal davon aus,dass historische Predigtzeugnisse in der Regel bereits in der Phase ihrer Verschriftlichung einer ersten Transformation unterzogen werden, stellt sich die Frage, wie mit dem Verhältnis von gesprochener Rede und schriftlich überlieferter Form der Quelle umzugehen ist. Weitere Probleme ergeben sich daraus, dass der Bearbeiter oft mit dem Prediger nicht identisch ist, aus der unterschiedlichen Rezeption von Predigtsammlungen, ihrer Veröffentlichungsintention, ihrer sprachlichen Fassung. Formale Bedingungen der Predigt, der zeitliche Rahmen,Aufbau,Gliederung, Gattungen und Sprachgestalt sind weitere Themen sind die in diesem Zusammenhang zu behandeln wären.

2. Fachspezifische und konfessionsabhängige Zugangsweisen:

Wissenschaftlich wird die Beschäftigung mit Predigten marginal wahrgenommen und entweder der Literaturwissenschaft oder der praktischen Theologie zugeordnet. Erst in jüngerer Zeit sind speziell die Leichen- und Begräbnispredigten Thema interdisziplinärer Tagungen und Veröffentlichungen von Germanisten; Volkskundlern und Kulturanthropologen; Historikern und Theologen geworden. Als genuin historisches Thema ist sowohl der Predigt wie auch ihrer Theorie bisher wenig

Aufmerksamkeit geschenkt worden. Dieses Problem hängt, wenn auch nicht kausal, eng mit konfessionsspezifischen Vorentscheidungen zusammen. Diese Zugangsweisen gilt es interdisziplinär und interkonfessionell zu betrachten und gegebenenfalls eine fachübergreifende Methode ihrer Interpretation zu entwickeln.

3. Predigt als religiöse Rede und theologisch verantwortete Zeitansage:

Predigten werden in der traditionellen Kirchengeschichtsschreibung zumeist als Zeugnis theologiegeschichtlicher Positionen interpretiert. Diese Fokussierung impliziert methodische und hermeneutische Engführungen, die dem historischen Gegenstand nicht gerecht werden. Es ist zu fragen, inwieweit die überlieferten Predigtzeugnisse Auskunft über andere und weitere Fragen, nicht allein in theologiegeschichtlichem Horizont, geben können. Neben Fragen des Bildungsstandes, der kulturellen Weltmächtigkeit, von Alltags- und Volkskultur sind auch Problemanzeigen zur Sprachentwicklung, zu konfessionellen Identitätsprägung und so Mentalitätsgeschichte denkbar.

4. Predigttheorie/Homiletik:

ln diesem Zusammenhang sind die konfessionell sich entwickelnden theoretischen Konzepte zur praktischen Predigttätigkeit, wie auch zur Funktion der Predigt zu behandeln. Auch hier gibt es zahlreiche theologiegeschichtliche Engführungen und konfessionsspezifische Fragestellungen, die im interdisziplinären Dialog der Tagung aufgebrochen werden können. Neben die schlichte Frage nach der materialen Gestalt konfessioneller Predigt treten Problemkreise zur Aufnahme weiterer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Predigttheorie, die professionelle beziehungsweise Professionalisierung der Predigerausbildung, die redaktionelle Bearbeitung vor dem Druck sowie allgemeingeschichtliche und sozial- und wirtschaftshistorische Fragestellungen.

5. Predigt und Krise/Predigt im Krieg:

Die kirchliche Begleitung von Menschen in Krisen zählt zu den zentralen Identitätsmarkern der modernen Inanspruchnahme des christlichen- insbesondere in seiner institutionellen Gestalt. Der Predigt in Krisenzeiten kommt insofern schon material eine hohe Bedeutung zu. Diese wird verstärkt durch Inszenierungen bestimmter theologischer Krisenbewältigungsstrategien im Medium der öffentlichen Predigt. Die Arbeitsgruppe der WGTh möchte sich auf diesen Problemzusammenhang konzentrieren:

Für das zeitgenössische Bewusstsein sind Krieg und Kirche diametral einander entgegengesetzt und unvereinbar. Das war nicht immer so. Seit der konstantinischen Wende dient die sakrale Inszenierung des frommen Herrschers in besonderer Weise seiner Herrschaftslegitimation und der Bewahrung seiner Machtansprüche. Das aus dem Bereich der kritischen Religionssoziologie und der Kulturwissenschaften stammende Verdikt gegen die christlichen Institutionen und die von ihnen gut geheißene Gewalt scheint vor diesem Hintergrund unwiderlegbar. Besonders für das Ende des Kaiserreiches und den ersten Weltkrieg wird den Kirchen und hierbei besonders den eng in die Legitimationsideologie des Kaisertums eingebundenen protestantischen Kirchen scheint die Meinung einhellig zu sein, dass der kirchlich getragene Militarismus sich in unheilvoller Weise mit Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus sowie einem grotesken Chauvinismus verband und entscheidend zur "Urkatastrophe der Menschheit" beigetragen. Insofern liegt es nahe einen ersten Arbeitsschwerpunkt auf die Kriegspredigt im ersten Weltkrieg zu legen. Ein zweiter Arbeitsschwerpunkt könnte sodann die Kriegspredigt im zweiten Weltkrieg untersuchen. ln einem dritten Arbeitsgang wäre sodann zu entscheiden, stärker historisch Kriegspredigten aus den Befreiungskriegen bis 1813 bzw. dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, oder aber kirchliche Positionierungen im Medium der Predigt in aktuellen Krisen (Aigerien-, Korea-, Vietnam-, Irak- und Afghanistan- bis Syrienkriege) zu analysieren

Eine erste Durchsicht zu meist gedruckten Predigten und kirchlichen Stellungnahmen im und zum Verlauf des Krieges zwischen 1914-1918 ergibt folgendes Bild:

1. Die Texte sind mehrheitlich von bildungsbürgerlich geprägten, insgesamt konservativen, staatsloyalen Predigern verfasst. Ihre Bildungsbiographien ähneln auch dann noch einander, wenn sie aus unterschiedlichen Milieus der bürgerlichen Mittelschicht stammen.

2. Theologisch überwiegt die Deutung des Krieges als von Gott gegebener Anfechtung deren

Schule Glaube und Frömmigkeit zu neuer Reinheit geläutert und zu tieferer Grundierung gelangen.

3. Politisch sind die Text von großer Loyalität zu Kaiser und Reich sowie den Soldaten im Volk geprägt. Der Krieg ist über Deutschland hereingebrochen und nicht vom Kaiser oder seinem Reich verschuldet. Vielmehr handelt es sich um eine alliierte Aggression und Provokation, auf die in aller Entschiedenheit zu reagieren ist. Die militärische wie politische Führung kann sich dabei des Beistandes Gottes und seiner Hilfe zum Sieg sicher sein.

4. Je nach Genre und Adressatenkreis überwiegt entweder die theologisch-biblizistische oder die kulturprotestantisch-politische Akzentuierung der Generaldeutung.

5. Auch bei anhaltenden Kriegshandlungen und sich verschärfender innenpolitischer Not ändert sich in den untersuchten Texten die Grundaussage nicht. Teilweise tritt das aktuelle Geschehen hinter die biblisch-seelsorgerliche Trostaussage zurück. Auch die Ereignisse des mit Massenvernichtungswaffen und hohen Verlustzahlen sich in die Länge ziehenden Krieges finden keinen Wiederhall in den Ansprachen und Traktaten.

6. Bisher sind nur äußerst wenige Zeugnisse untersucht worden, die den Zusammenbruch der

theologisch-historischen Gegenwartsdeutung und der sich daraus ableitenden theologisch begründeten Zukunftshoffnung thematisieren. In den untersuchten Texten ist von der grundstürzenden Erschütterung der Pfarrer durch die Erfahrung der Kriegshandlungen, wie sie in der späteren kirchlichen Historiographie gerade im Zusammenhang mit dem Aufkommen der sog. Dialektischen Theologie im Umfeld von Karl Barth akzentuiert wurde, wenig zu spüren.

7. Insgesamt zeichnen sich die untersuchten Texte durch eine große motiv-und begriffsgeschichtliche Kontinuität zu den theologischen Aussagen von Vertretern kulturprotestantischer Theologie im Gefolge der Schule Albrecht Ritschls sowie ihren akademisch-intellektuellen Ausformungen Adolf von Harnacks, Wilhelm Hermanns oder auch Ernst Troeltschs oder den eher populären Ausprägungen eines Adolf Stöcker und anderer. Zugleich lässt sich bei näherem Hinsehen eine große inhaltliche wie thematische Bandbreite dessen erkennen, die mit dem Stichwort eines liberal-konservativen Neo-luthertums oder dessen unierter Ausprägung in Gestalt der preußischen Hoftheologie nur unzureichend beschrieben wird. Wie sieht es allerdings mit anderen kirchlichen Traditionen aus, wie etwa das konfessionelle Luthertum in Franken oder der Pietismus in Württemberg? Wie verhalten sich Erweckungsbewegung, religiöser Sozialismus und andere volkskirchliche Strömungen zu der festgestellten und als main stream behaupteten liberal-protestantischen Grundhaltung? Insbesondere ist die These einer bruchlosen Kontinuität von Kriegsbegeisterung national­ konservativer Kreise zur NS-Mitläuferschaft – wie wohl in etlichen Fällen dokumentiert – in zahlreichen anderen Fällen neu zu beleuchten (etwa Karl Veidt, Dietrich Kortheuer u.a.. in Hessen).

8. Auch, wenn diese Skizze zunächst das weitverbreitete Urteil einer allgemeinen protestantischen Unterstützung der Kaiserlichen Politik und des Kriegseintritts zu stützen scheint, ist eine genauere Analyse von Quellen und den darin enthaltenen theologischen Motivaussagen zu leisten, welche dieses Bild weiter ausdifferenziert. Sie ist schließlich mit zeitgleichen kirchlichen Überlieferungen in anderen Medien (Synodalakten, Kirchenvorstandsprotokolle, kirchl. Schriftgut, tagesaktuelle Aussagen in kirchlichen Zeitschriften und Flugblättern etc.) zu kontrastieren.

Ziel der Arbeit- erkenntnisleitendes Interesse:

Das Ziel der Untersuchung von Predigten aus der Zeit des ersten Weltkriegs besteht darin, das holzschnittartige Bild eines in kritikloser Loyalität zu Kaiser und Reich sich letztlich agonal verhaltenden evangelischen Theologie und Frömmigkeit, deren Hurra-Patriotismus auf den Schlachtfeldern zerstört wird und nicht einmal in negativer Umkehrung zum Wiederaufbau nach der Kapitulation geeignet erscheint. Dieses bis in die gängige Schul- und Lehrbuchliteratur der Gegenwart hineinreichende (Fehi-)Urteil ist in mehrfacher Hinsicht korrekturbedürftig:

1. Schon die kritiklose Kriegs- und Siegesbegeisterung erweist sich als theologisch nur schwer zu begründen. Wie sind bei einigermaßen begabten Köpfen die sich ergebenden Widersprüche überwunden und die Antagonismen bewältigt worden?

2. Das oben grob skizzierte Urteil steht im größeren Kontext der Ableitung der fatalen Verstrickung zahlreicher Vertreter der evangelischen Kirchen und des deutschen Protestantismus in reaktionär­ konservative und später faschistische Zusammenhänge. Gern wird den Repräsentanten der preußischen und anderer Kirchen angelastet, zu Totengräbern der Weimarer Republik avanciert zu sein, weil sie entweder den idealisierten, glanzvollen Tagen der Einheit von Thron und Altar in einer säkularen Gesellschaft nachtrauerten oder aber die rechtskonservativen Aktivitäten in der Hoffnung auf eine neue Stunde der evangelischen  Kirche in Deutschland verbanden. Historiographisch scheint hier retrospektiv eine Konstruktion vorzuliegen, die anhand eines breiten Quellenbefundes zu verifizieren ist.

3. Bisher ist das Scheitern der oben skizzierten konservativ-nationalen Grundhaltung des evangelischen Protestantismus kaum erarbeitet und quellenmäßig rekonstruiert worden. Auch das Narrativ der grundstürzenden Erschütterung durch die Erfahrungen des Massensterbens und einer weltweiten Zerstörung ist quellenkritisch zu erheben und gegebenenfalls zu kritisieren.

4. Das erkenntnisleitende Interesse der Untersuchung läuft gleichwohl weder auf eine Ehrenrettung des sich in politische Widersprüche und das Kriegsleiden ideologisch verlängernden Kulturprotestantismus wie auf eine retrospektive Kritik der theologischen Grundvoraussetzungen seiner politischen Inanspruchnahme und Instrumentalisierung hinaus. Erkenntnisleitend ist vielmehr ein historiographisches Interesse an bestimmenden Meistererzählungen, welche die historiographische und mit ihr auch die theologische Vergangenheitsbewältigung im Kontext des alles überlagernden master narrativs von Deutschland als dem Opfer einer fehlgeleiteten Politik sowohl der ausländischen Aggressoren als auch der auf diese Provokation ungeeignet reagierenden Herrschercliquen eines vergangenen Zeitalters erscheinen lässt. Diese Haltung steht in bemerkenswerter Kontinuität zu den Bewältigungsversuchen der neueren Vergangenheit im Kontext des zweiten Weltkrieges und späterer Krisen der jungen Demokratie(n) Deutschlands.

Es gilt mithin das bestimmende Narrativ der Opferrolle Deutschlands kritisch zu reflektieren und durch theologisch begründete alternative Deutungen sinnvoll zu ergänzen bzw. zu ersetzen.

5. Im Kontext der eingangs erwähnten Monotheismusdiskussion ist schließlich auch ein Beitrag zu den in diesem Zusammenhang geäußerten Vorbehalten gegen eine theologisch glaubwürdige Friedensinitiative zu erwarten.

Was heißt das nun für die konkrete Durchführung?

Zur Quellenlage

Insgesamt erweist schon ein rascher Blick in die einschlägigen – wenigen – Werke zur protestantischen Verkündigung während des ersten Weltkriegs eine gut dokumentierte Archivlage mit mannigfaltigen Zusammenstellungen und Sammlungen von Predigten, Ansprachen und Andachten. Eine genauere Analyse dieser klassischen Genres kirchlicher Verkündigung ist zu ergänzen durch die Erweiterung des Quellencorpus durch gedruckte Quellen und Massenveröffentlichungen (Predigten, Ansprachen, Traktate). Hinzuzuziehen ist weiterhin die- meist noch handschriftliche Überlieferung- Konsistorialakten, Liturgieentwürfen und Ausarbeitungen von sog. Kriegs-Gebetsstunden. Hinzu kommen Pfarrerblätter, Gemeindebriefe und andere Periodika. Schließlich sollte auch das insgesamt bisher wenig bearbeitete Feld der Selbstzeugnisse Berücksichtigung finden. Hierzu zählen neben den autobiographischen Notizen der Pfarrer (und ihrer Kinder) auch Pfarrchroniken, Gemeindebücher und Kasual-Verzeichnisse (Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen) sowie das Gelegenheitsschrifttum in Anzeigen, Karten, Plakatdrucken u.v.a.m.

Diese Quellen liegen insgesamt und trotz mannigfaltiger Kriegsverluste sehr reichhaltig, inzwischen auch digitalisiert vor. Eine zusammenfassende Übersicht besteht hingegen mit Ausnahme von Wilhelm Presseis Arbeit von 1969 nicht. Sie wäre im Sinne eines quellenerschließenden Handbuches sicher von großem Nutzen für spätere Arbeiten.

Die Quellen sind sodann in mehrfacher Hinsicht zu ordnen und systematischen Referenzen zuzuweisen:

•  Chronologisch: ist ein Wandel des Ausdrucks, der Begrifflichkeit, der theologischen Motive und der politischen Anspielungen im Verlauf der vier Kriegsjahre und unter dem Eindruck spezieller Ereignisse zu erkennen?

•  Geo- und topographisch: in welcher Weise sind signifikante Unterschiede aufgrund des unterschiedlichen Herkommens und der Zusammensetzung der Adressaten- und Hörerkreise zu erkennen? Gibt es einen Stadt-Land-Unterschied oder andere geographisch referenzierte Differenzierungen? Dazu gehört auch die Unterscheidung von Front-, Etappen- und Heimatpredigtorten sowie den dazu versammelten Gemeinden. Schließlich ist in diesem Zusammenhang auch die landeskirchliche Struktur des deutschen Protestantismus und seiner Kirchen zu berücksichtigen: neben konfessionsspezifische Prägungen in Theologie und Frömmigkeit sowie der jeweiligen Konfessionskultur nicht zu leugnen. Besonders ist auf die Verschmelzung von theologisch-frömmigkeitlichen Traditionen mit lokalen und landsmannschaftlichen Entwicklungen, sowie deren wechselseitige Durchdringung und Veränderung auch im Blick auf die jeweilige Identitätsbildung zu beachten.

•  Theologisch: welche theologischen Positionierungen sind außerhalb des Spektrums national­ liberalen Kulturprotestantismus nachweisbar? Welche Verbindungen (Koalitionen) und Abgrenzungen werden- möglicherweise auch in chronologischen Abfolgen- sichtbar? Welche Kontinuitäten, Persistenzen und Traditionsbrüche sind zu rekonstruieren? Gibt es Alternativen zur kaiserloyalen Beschwörung der gefährdeten Einheit von Thron und Altar?

•  Begriffs- und ldeengeschichtlich: Wie verändert sich die Semantik vom aufgezwungenen Verteidigungskrieg, dem Verrat des europäischen Erbes und der gemeinsamen Kultur und Zivilisation im Verlaufe der Kriegsentwicklungen? Werden neue Begrifflichkeiten, Terminologien und Metaphernzusammenhänge geschaffen? Aus welchen Traditionsbezügen schöpft die aktuelle Kriegspredigt? Gibt es über positionelle Differenzen hinweg verbindende Traditionsnarrative wie das reformatorische Erbe, die Gestalt Luthers u.a., welche in spezifischer Abzweckung und wie transformiert werden? Welche Rolle spielt das biblische Traditionsmaterial und seine innere Differenzierung etwa zwischen Altem und Neuern Testament, den paulinischen Briefen oder den biblischen Vorbildgestalten? In welcher Weise wird mit der konfessionellen Systemkonkurrenz der drei deutschen Christentumsdenominationen- und evtl. auch freikirchlichen Abspaltungen- umgegangen?

Theologiehistorische Fragestellung

Die fachspezifisch-theologiehistorische Frage nach der Gestalt der evangelischen Verkündigung und Seelsorge sowie ihrer theologischen Begründung verweist auf den größeren Zusammenhang einer differenzierten Betrachtung des bisher nur wenig präzise beschriebenen Phänomens des Kulturprotestantismus. Insofern dieser Begriff sowohl im Kontext der barthianisch- bekenntniskirchlichen Dominanz der Nachkriegshistoriographie beider Weltkriege wie auch einer sich einer stärker liberal-moderneren Ausrichtung verschreibenden theologischen Positionierung in Misskredit geraten ist, wird nach einer unaufgeregten und historiographisch präziseren Terminologie und Charakterisierung der damit verbundenen Phänomene zu suchen sein. Mit dem semantischen Wechsel ist sodann und Meistererzählungen zu verbinden. lnsonderheit ist der fatalen Persistenz national-konservativer Überzeugungen sowohl im Kriegs- und Heimatfronterlebnis als auch in zahlreichen späteren Äußerungen der Weimarer Republik und weit darüber hinaus nachzugehen. Dabei ist auch die Frage nach der Vorbereitung und Bestärkung demokratiekritischer und -feindlicher Positionen zu stellen, freilich ist damit der Horizont des erkenntnisleitenden Interesses noch nicht abgeschritten. Stellt sich doch in dem bis in die heutige Zeit immer wieder Verwendung findenden Traditionsmaterial auch das Problem der aktuellen Glaubwürdigkeit politisch Stellung beziehender Theologen und Theologie. Historisch kann die Untersuchung einen Beitrag zur Stabilisierung des bürgerlich-konservativen Milieus sowohl in politik-, begriffs- und ideengeschichtlicher Hinsicht leisten. Zugleich sind Bezüge zu kultur-und gesellschaftswissenschaftlichen historisch zugespitzten Frageansätzen gegeben und hoch anschlussfähig auszubauen. Hierzu zählt neben vielen anderen Fragen auch die politisch hoch relevante Frage nach dem Umgang mit dem Mythos vom Deutschen Opfer und dem Verrat der Kriegsgegner an deutschen Werten und der damit verbundenen Kultur. Dem Wandel von Vorstellungen, Begrifflichkeit, politischer Semantik und vielem anderen mehr ist nicht nur im Blick auf theologische Motive nachzugehen. Sie bieten aber einen erstaunlich validen Fokus für eine derartige Analyse.

Erste Publikation: Territorialgeschichtlicher Zuschnitt und spätere Ausweitungen

1. Zunächst ist in einem ersten Schritt ein komparativer Zugriff auf das reiche Quellenmaterial in territorialgeschichtlicher Beschränkung geplant Am Beispiel der bayerischen, württembergischen lutherisch geprägten Landeskirchen, der westfälisch-unierten und der verschiedenen hessischen Kirchen soll die bestehenden Archive und Sammlungen auf Quellenbestände hin untersucht und ein erster Überblick versucht werden. Sodann werden in verschiedenen Untersuchungen Querschnittsstudien angefertigt:

2. Tilman Schröder untersucht die Württembergische Kriegstheologie auf der Basis von vielfältigen

Zeugnissen vor allem auf dem Lande und nicht beschränkt auf gedruckte, massenvervielfältige Predigten und Traktate, sondern Konsistorialakten, Gemeindebriefen, Flugschriften und vielem anderen mehr. Eine erste Übersicht hat ergeben, dass die sich darin manifestierende theologische Krisenbewältigung signifikant von der städtisch-höfischen Elitentheologie unterscheidet. [Veröffentlichung: Michael Mayer-Blanck: Gott in der Geschichte, Vorträge des XV. europ. Kongress für Theologie in Berlin, Leipzig 2016, S. XXX-XXX.

3. Jürgen Kampmann, Tübingen, wendet sich der Situation in Westfalen am Beispiel von liturgischen Entwürfen, Gebetsvorlagen und Andachtsstunden zu. Auch hier ist ein gravierender Unterschied zwischen städtischer und ländlicher Frömmigkeit zu erwarten. [vorl. Veröffentlichung in den Blättern für Westf. Kirchengeschichte]

4. Jürgen Telschow, Frankfurt, untersucht die Kriegspredigt in der städtischen Kirche von Frankfurt am Main.

5. Gesche Linde, Darmstadt, wendet sich einem prominenten Vertreter städtischer Frömmigkeit und Theologie, dem Gründungsmitglied und Lehrstuhlvertreter für Kirchengeschichte der Frankfurter Universität Erich Förster und dessen gut erhaltenen Nachlass aus der Zeit des ersten Weltkrieges zu.

6. Markus Wriedt koordiniert die Arbeiten und versucht einige Schneisen in die Überlieferung auf

der Basis des im Zentralarchiv der EKHN in Darmstadt erhaltenen Materials zu ergründen. Weitere Recherchen sind mit Blick auf die anderen Archive der früheren insgesamt fünf hessischen Landeskirchen (Kurhessen-Kassel, Oberhessen, Nassau, Frankfurt und Darmstadt­ hessen) zu unternehmen. Hier dürfte erneut der Unterschied von Stadt und Land sowie dem sozialen Gefälle der einzelnen Landschaften in den Blick treten.

7. Ursula Roth trägt homiletische Perspektiven unter dem Arbeitstitel: Religiöse Rede und

Verkündigung des Wortes Gottes. Zur Predigt im ersten Weltkrieg vor. Weitere Anfragen sind zu richten oder bereits gerichtet an:

•  Werner K. Blessing, Erlangen – zur bayerisch-fränkischen Kirchen- und Predigtgeschichte

•  Prof. Dr. Bernd Schroeter, Göttingen – noch anfragen

•  Christian Albrecht, München – zur Geschichte des neueren Protestantismus unter besonderer Berücksichtigung der Predigt (evtl. Verbindung mit der DFG-Forschergruppe "Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989"

Zur Koordination der bisher bestehenden Aktivitäten und zur Ausgestaltung eines möglichen Förderungsantrages wird die Unterstützung der WGTh zu einer theologisch-interdisziplinären Forschergruppe beantragt.

•  In einem ersten Treffen- geplant für den Spätsommer 2015- sind die bisher gesammelten Ergebnisse zusammenzutragen und eine Veröffentlichung des bisher erschlossenen Forschungsprofils erarbeitet werden. Deren Veröffentlichung erfolgt bei Genehmigung der Forschergruppe kostenfrei innerhalb der Reihe der Veröffentlichungen der WGTh.

•  Ein zweites Treffen fokussiert sodann im Herbst 2016 die Frage der Veränderungen dieser Predigtgestaltungen unter dem Eindruck des zweiten Weltkriegs und einer zunehmenden Demaskierung des menschenverachtenden NS-Terrors.

•  Ein drittes Treffen- wegen der Reformationsfeierlichkeiten mglw. erst im Winter 2017/18 wird sodann weitere Krisenwahrnehmungen in der Geschichte des 19. Und in der kirchlichen Zeitgeschichte nach 1945 thematisieren.

Mittelfristig ist ein DFG Projektantrag geplant. Auch wenn ein komparatistischer Ansatz durch die Vielfalt der insgesamt 20 evangelischen Landeskirchen im Kaiserreich schon mit erheblichem Aufwand verbunden ist, kann der sich auf vier Jahre beschränkende Untersuchungszeitraum die längerfristigen Kontinuitäten und Entwicklungen nicht erfassen. Aus diesem Grunde ist eine Erweiterung des Forschungsansatzes auf die gesamte Moderne geplant: die theologische Bewältigung von Kriegs- und Krisenerfahrungen zwischen 1813 und 2013. Im Zeitraum von zwei Jahrhunderten ist unter dem Eindruck wechselnder gesellschaftlicher Verfassungen, kultureller Entwicklungen und Brüche, dem generellen Bedeutungswandel der öffentlich wirksamen Theologie nachzuspüren. Sowohl die Instrumentalisierung theologischer Deutungsnarrative von 1813 (Völkerschlacht und Befreiungskriege gegen Napoleon) über 1817 (300. Wiederkehr des Thesenanschlags Luthers, Studentenfest und frühere Demokratiebewegung im Umfeld des sog. Wartburgfestes) 1871/72 (deutsch-französischer Krieg und Kaiserproklamation), den ersten und zweiten Weltkrieg sowie die politischen Debatten um die (atomare) Wiederbewaffnung, den NATO­ Beitritt  Westdeutschlands, die hartnäckige Nachfrage der jüngeren Generationen nach der misslungenen Vergangenheitsbewältigung im Schatten des Vietnam-Krieges, der umstrittene NATO­ Nachrüstungsbeschluss bis hin zur Deutschen Wiedervereinigung und den nachfolgenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr in Afghanistan, Afrika und anderen Staaten der Welt. Außerdem sind konfessionsspezifische und andersreligiöse Alternativen zu bedenken. Am Horizont deutet sich auch die Kooperation mit Vertretern der historisch arbeitenden Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft (Heidrun Alzheimer, "Glaubenssache Krieg. Religiöse Motive auf Bildpostkarten des Ersten Weltkrieges". Bad Windsheim 2009) und Philologie an, die aufgrund der von ihnen bearbeiteten Quellencorpora zu gänzlich anderen Ergebnissen zu kommen scheinen (Michael Fischer: "Religion, Nation, Krieg. Der Lutherchoral Eine feste Burg ist unser Gott zwischen Befreiungskriegen und Erstem Weltkrieg". Münster, New York 2014).

ln der projektierten Forschergruppe sind nähere Forschungsperspektiven, eine präzise Methoden­ und Quellenerörterung sowie die leitenden Fragestellungen im Kontext aktueller Debatten um Säkularisierung, Moderne, dem Verhältnis von Staat und Kirche sowie der kulturellen Leitorientierung zu entwickeln. Dass sich diese Fragestellungen durchaus auch mit dem aktuellen Akzent auf das Jubiläum zur 500. Wiederkehr der Veröffentlichung seiner 95 Thesen durch Martin Luther beziehen kann, steht für mich außer Zweifel.

Frankfurt, den 24. März 2015

Gez. Markus Wriedt

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