Neues Testament

Antrag auf Förderung einer Projektgruppe „Ethik und genre in der frühchristlichen, frühjüdischen und griechisch-römischen Literatur/Ethics and Genre in Early Christian, Jewish and Greco-Roman Literature“

Prof Dr. Hermut Löhr; Prof. Dr. Eve-Marie Becker

 2017-2019

 

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, lieber Herr Kollege Meyer-Blanck, sehr geehrte Vorstandsmitglieder,

hiermit beantragen wir die Förderung einer Projektgruppe zum Thema „Ethik und genre in der frühchristlichen, frühjüdischen und griechisch-römischen Literatur/Ethics and Genre in Early Christian, Jewish and Greco-Roman Literature“ durch die Wissenschaftliche Gesellschaft für Theologie für die Jahre 2017-2019.

Zum Forschungsinteresse

Die geplante Projektgruppe geht von zwei Wahrnehmungen in der neutestamentlichen Exegese der Gegenwart aus, welche die Erforschung des Zusammenhanges von ethischen Diskursen und der Entwicklung frühchristlicher literarischer genres möglich und nötig machen:

1. Die Methodik der Analyse von literarischen Gattungen und Teilgattungen in der frühchristlichen Literatur im Vergleich mit jüdischen und griechisch-römischen („paganen“) Texten der Zeit ist nach wie vor ungeklärt. Die Einsicht in die vielfach problematischen Voraussetzungen und Annahmen der klassischen Formkritik und -geschichte, die u. a. mit den Namen von Martin Dibelius und Rudolf Bultmann verbunden war, also die „Kritik der Formkritik“, hat zwar in den letzten Jahrzehnten zu vielversprechenden Neuansätzen geführt, etwa mit der Etablierung des rhetorical criticism, der im weiteren Rahmen des literary criticism zu verorten ist, oder dem in seiner Wirkung allerdings im Wesentlichen auf die deutschsprachige Exegese beschränkten und mit erheblichen klassifikatorischen Problemen kämpfenden Neuansatz der Formgeschichte durch Klaus Berger und einige seiner Schüler. Drängend bleiben daher alleine schon Fragen zur Terminologie und Systematisierung von kleineren und größeren literarischen Formen, genres (Mikro- und Makro-Ebene) bzw. „Gattungen“ sowie die in Teilen der klassischen Philologien mit erneuter Dringlichkeit diskutierte Frage, wieweit Gattungsbestimmungen von modernen oder antiken Begriffen ausgehen können und ob sie tendenziell eher deduktiv oder induktiv vorzunehmen seien.

Angesichts der Intensivierung und Diversifizierung des exegetischen Diskurses gegenüber der Hochzeit der klassischen Formgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war und ist nicht zu erwarten, dass sich diese oder andere Ansätze in derselben Weise wie die früheren Versuche als Master- Paradigmen der Gattungsforschung allgemein durchsetzen. Gleichwohl ist wahrzunehmen, dass in jüngerer Zeit die Entwicklung neuer erschließender Perspektiven auf die neutestamentlichen und frühchristlichen Gattungen etwas ratlos zu stagnieren scheint. Insbesondere ist, so scheint uns, noch nicht konsequent mit der Einsicht Ernst gemacht, dass die Analyse von Textphänomenen auch und gerade im Rahmen des historischen Paradigmas stets beides zu bedenken hat: die Textproduktion und die mit ihr einhergehende Selektion von Mikro- und Makroformen aus einem in der antiken Literaturgeschichte zur Verfügung stehenden breiten literarischen Repertoire, und die (vermutliche, wahrscheinliche) Textrezeption, die ebenfalls als Selektionsprozess beschrieben werden kann und an deren Ausgang die Kanonbildung steht. Dies gilt unbeschadet der Tatsache, dass der methodische Zugang zu beiden Perspektiven – Textproduktion und -rezeption – je unterschiedlich zu gestalten ist. Eine konsequente Anwendung dieser Einsicht auf die Methodik und die heuristischen Leitbegriffe der Exegese steht daher insgesamt noch aus. Eine auf ihr gründende Definition der Kategorie

„Gattung“, besser: genre, kann diese in allgemeiner Weise als einen ‚habit of writing and reading‘ verstehen, eine Definition, die in innovativer Weise die ältere formgeschichtliche Frage nach dem „Sitz im Leben“ zu der literaturgeschichtlichen Frage umformuliert, unter welchen kulturellen und sozialen Bedingungen bestimmte Gewohnheiten des Schreibens und Lesens entstehen, auf ethische Diskurse zurückgreifen oder einwirken und ihrerseits als ‚normativ‘ in Geltung stehen, kommen oder vergehen.

2. Das in der gegebenen Definition von Gattung als genre schon implizierte textpragmatische Interesse an Funktion, Kontexten und Interaktionsradius von literarischen Texten wird daher insbesondere in der Frage nach dem Sach- und Wirk-Zusammenhang von distinkten oder ineinander verfließenden Schreib- und Leseweisen einerseits und dem sie begleitenden Diskursraum frühchristlicher Ethik andererseits explizit – hier liegt der heuristische Ansatzpunkt der projektierten Arbeitsgruppe. Zu fragen ist dabei: Wieweit sind literarische genres an ethische Diskurse ihrer Zeit gebunden – wieweit rufen sie gewollt oder ungewollt bestimmte ethische Diskurse auf? Wieweit lassen sich ethische Themenstellungen und Diskurse (nur) innerhalb spezifischer genres transportieren? Gibt es regelmäßig wiederkehrende Muster der Beziehung von genres und Ethik, die thematisch und/oder literarisch beschreibbar sind? Gibt es Regelhaftigkeiten bei der weiteren Entwicklung dieser Beziehung in die Mitte und das Ende des 2. Jhs. hinein, die einen Neueinsatz in der Beschreibung der frühchristlichen Geschichte von genres bzw. Gattungen erlauben würden? Lassen sich eindeutige oder eineindeutige Beziehungen zwischen Gattung und Ethik bemerken, die letztlich auch die Frage nach der ‚Genetik‘ frühchristlicher Literatur wie Ethik erhellen können?

Wir legen vorerst einen weiten Begriff von Ethik zugrunde, der die ausdrückliche Reflexion von Bedingungen und Möglichkeiten menschlichen Handelns, Normsetzung und Normbegründung, die Bestimmung von Tugenden, Werten und Zielen wie konkrete Weisungen und Ratschläge auch prudentieller Art umfasst. Ein solch breiter Ansatz scheint uns hilfreich zu sein, um eine Engführung in der Auswahl des zu analysierenden Materials zu vermeiden. Ob die in der exegetischen Diskussion vorgeschlagenen alternativen Begriffe wie „Ethos“ oder „moral thought“ hilfreich sind, ob sie ergänzend oder ersetzend zum Ethik-Begriff einzusetzen sind, lässt sich u. E. nicht a limine und prinzipiell, sondern gerade durch die Erprobung in bestimmten Problemstellungen und bei der Analyse konkreter literarischer Textphänomene erfahren. Gleichwohl setzen wir bei den hier zu bearbeitenden Forschungsfragen die Überlegung voraus, dass Ethik und genre in der frühchristlichen Literatur- und Theologiegeschichte ein wesentliches Merkmal teilen, das in besonderer Weise die Untersuchung von den oben genannten Wechselwirkungen sinnvoll und instruktiv erscheinen lässt: Ethik und genre sind beide kommunitär angelegte Größen und damit immer auch von den sie begleitenden kulturellen, religiösen, sozialen, ggf. auch ökonomischen und politischen Interaktionsfaktoren her zu verstehen.

Zur geplanten Arbeitsweise

Die geplante Projektgruppe möchte sich dem so umschriebenen Themenkomplex mit drei Sondierungen nähern, die sich in Form von interdisziplinären Fachtagungen der Frage nach dem Zusammenhang und der Wechselwirkung von „Ethik“ und „Gattung“ exemplarisch stellen. Dabei scheint uns die Aufhellung der ‚Ethik der Narration‘ – und zwar über die schematischen Gattungsgrenzen von z.B. Evangelien und Briefliteratur hinausgehend – besonders dringlich; sie soll in den folgenden exemplarischen Fragestellungen entfaltet und auf den geplanten Fach-Tagungen diskutiert werden und dabei innovative, aus Textvergleichen mit sonstiger antiker Literatur gewonnene Einsichten die Mikro- und Makrobeschreibung von literarischen Formen ermöglichen:

1. Narration und Ethik I: Das literarische und ethische (self-)fashioning des Autors und/oder Erzählers in narrativen settings neutestamentlicher Literatur;

2. Narration und Ethik II: Die Produktion und Rezeption von Reden in den Evangelien und der Apostelgeschichte;

3. Narration und Ethik III: Parabeln, Gleichnisse, Beispielerzählungen und exempla als Mikro-genres in den Evangelien und (Paulus-)Briefen.

Die Einladung zu den Fachtagungen geht an alle Mitglieder der WGTh, die an den beschriebenen Fragestellungen interessiert sind, insbesondere an die Mitglieder der Fachgruppen AT, NT und Kirchengeschichte (Patristik). Darüber hinaus aber sollen zu jeder Tagung auch Vertreterinnen und Vertreter benachbarter Disziplinen wie Judaistik, klassische Philologie, Philosophiegeschichte und Literaturwissenschaft eingeladen werden. Dazu bringen beide Antragsteller bereits entsprechende überfachliche Kontakte und internationale Netzwerke mit; die Thematik selbst wurde zudem bereits in einer summer school an der Universität Aarhus mit Fachkolleginnen und -kollegen und Ph.D.-Studierenden erfolgreich erprobt. Über die exegetisch-fachliche und die interdisziplinäre Zusammenarbeit hinaus ist uns auch an der internationalen Ausrichtung und Zusammensetzung von Fachtagungen gelegen.

Es ist angestrebt, die Ergebnisse der Tagungen zu publizieren. Uns schiene dazu die Publikationsreihe der Gesellschaft ein geeigneter Ort.

Die drei Tagungen sollen an unterschiedlichen Tagungsorten in Deutschland und Dänemark stattfinden. Die erste Tagung ist geplant für den 2. bis 4. Juli 2017, voraussichtlich in Münster oder in Düsseldorf.

Zur Kostenrechnung

Es ist nicht zu erwarten, dass der von der WGTh im Rahmen der Programmgruppenförderung erbetene Zuschuss die Gesamtkosten der geplanten Tagungen decken wird (wir setzen pro Tagung einen Richtwert von ca. 8000,- Euro an). Hinzutreten müssen Zuschüsse aus den beteiligten Institutionen, Eigenbeiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie ggf. weitere Drittmittel.

Wir bitten um wohlwollende Prüfung des Projektantrags und verbleiben mit freundlichen Grüßen

 

Prof Dr. Hermut Löhr                                  Prof. Dr. Eve-Marie Becker

Prof. Dr. Hermut Löhr
Neutestamentliches Seminar
Ev.-theol. Fakultät der WWU Münster
Universitätsstraße 13-17 
D - 48149 Münster
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Prof. Dr. Eve-Marie Becker
Biblical Studies – Institute for Culture and Society
– Faculty of Arts
Jens Chr. Skous vej 3
DK-8000 Aarhus C
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