Neues Testament

Antrag einer Projektgruppe (2017–2021) innerhalb der Fachgruppe „Neues Testament“ (und „Altes Testament“) der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie e. V zum Thema

„Religiöser Radikalismus“

 2017-2019

 

1. Zuordnung und beteiligte WissenschaftlerInnen

Geplant ist eine Tagungsreihe von fünf Tagungen. Die Reihe wird verantwortet von den Neutestamentlern Prof. Dr. Manuel Vogel (Jena) und Prof. Dr. Johannes Woyke (Flensburg), sowie den Alttestamentlern PD Dr. Raik Heckl (Leipzig) und Prof. Dr. Andreas Kunz-Lübcke (Hermannsburg). Angefragt ist außerdem Prof.in Dr. Susanne Plietzsch (Judaistik, Salzburg). Wenn es die Statuten der WGTh zulassen, könnte die Tagungsreihe beiden Projektgruppen (AT und NT) zugeordnet werden. Andernfalls bitten wir, den Antrag als Antrag einer Projektgruppe innerhalb der Fachgruppe „Neues Testament“ zu behandeln.

Die erste Tagung (März 2017) ist nicht als Teilprojekt einer WGTh-Projektgruppe ausgewiesen, um der Entscheidung der WGTh nicht vorzugreifen. Im Falle einer positiven Entscheidung wird dies nachgetragen.

2. Erläuterung des gewählten Themas

Der Begriff des Radikalen changiert zwischen neutralen bis positiven Bedeutungen einerseits und negativen Bedeutungen andererseits. Kann „Radikalität“ die konsequente Orientierung am gedanklichen Kern einer Sache bezeichnen („radikales Denken“) und im Bereich des Religiösen für die Ausrichtung an den Anfängen und den basalen Anschauungen einer Religion stehen, hat der Begriff des „Radikalismus“ vorwiegend negative Konnotationen in Richtung Intoleranz, Fundamentalismus und Gewalt. Die Antragstellenden haben sich entschlossen, das gewählte Thema aus dieser zweite Perspektive in den Blick zu nehmen, dabei aber stets zu fragen, welche Zusammenhänge und fließenden Übergänge zu den positiv besetzten Facetten des Radikalen bestehen.

Der historische Raum, auf den sich das Interesse der Antragstellenden richtet, ist durch den Entstehungszeitraum der alt- und neutestamentlichen Text bestimmt, mithin sehr breit gefasst. Ein weiterer komparativer Horizont (griechische und römische Antike, rabbinisches Judentum, christliche Spät- antike, früher Islam) ist möglich.

Das Phänomen des religiösen Radikalismus soll nicht unter Zugrundelegung eines vorgefassten Begriffs beschrieben, sondern durch unterschiedliche Wege der Annäherung erschlossen werden. Leitend waren hierbei u.a. folgende Überlegungen: Religiöser Radikalismus bewegt sich

- zwischen Tradition und Innovation: Es gibt ein radikales Eintreten für Neues ebenso wie für Tradition, die man in Gefahr sieht. Im „Kulturkampf“ der Makkabäerzeit trifft beides auf einander: Ein Programm radikaler (man kann auch sagen: konsequenter) Neuerung und das engagierte Eintreten für das Alte. Die Radikalisierung beruht dann sozusagen auf Gegenseitigkeit und muss in einem komplexen gesellschaftlichen Interaktionszusammenhang untersucht werden.

- zwischen Integration und Abgrenzung: Während gegenläufige gesellschaftliche Radikalisierung/Verschärfung gesellschaftlicher Zustände bei in etwa gleich starken Kräfteverhältnissen in den Bürgerkrieg führen kann, geht es hier um Marginalisierung bzw. Selbstabgrenzung in die Sondergruppe. Dies prägt unser Bild von den Trägerkreisen der jachad-Texte. Kann man den Standpunkt des JohEv ähnlich beschreiben? Welche religiösen Selbst- und Weltdeutungen sind mit gesellschaftlicher Marginalisierung verbunden? Klassischerweise der Dualismus? Und ist Dualismus radikalismusanfällig?

- zwischen Martyrium und Kampf: Bei beidem ist Gewalt im Spiel als Ausdruck radikalen Widerstands gegen eine feindliche Macht/Übermacht. Die historischen Makkabäer haben gekämpft, später kommt das martyrologische Motiv zum Tragen. Im frühen Christentum gibt es überhaupt keinen Kampf, sondern nur das Martyrium. Gibt es aus der Antike Beispiele dafür, dass Kampf als Martyrium legitimiert wurde? Im radikalen Islamismus spielt diese Figur eine große Rolle: Man fällt im Kampf als Märtyrer. Kompensiert diese Figur ein Legitimitätsproblem des bewaffneten Kampfes? Verdeckt sie Machtinteressen, indem sie die Figur des ostentativ wehrlosen Märtyrers für sich reklamiert?

- zwischen Realität und Konstruktion: In Schriften wie der Kriegsrolle von Qumran oder der Johannesapokalypse werden Bilder von Gewalt beschworen und literarisch „ausagiert“. Gibt es hier literatursoziologisch etwas zu den apokalyptischen Gattungen zu sagen? Ersetzt, grob gesprochen, die Vision die Aktion?

- zwischen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft: Dies deckt sich weitestgehend mit In- tegration/Abgrenzung, bzw. dieses beschreibt mögliche Prozesse unter den gesellschaftlichen Bedingungen von Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft.

- zwischen Gebildeten und Ungebildeten: Wie viel Bildung setzen Konzepte von religiösem Radikalismus voraus? Wer sind die Akteure und Propagandisten? Kann man „Köpfe“ von historischen Erscheinungsformen von religiösem Radikalismus ausmachen, und was denken und reden diese? Auch der IS hat einen Theorie- und Bildungshintergrund, Korangelehrte sind seine Akteure und Propagandisten. Hier ist viel Geschichtstheologie im Spiel und ein gesteigertes historisches Bewusstsein auch bei Ungebildeten, und sei es nur in Schlagworten. Die jüdischen Sibyllinen sind von hellenistisch gebildeten Juden verfasst und lehnen zgl. die hellenistisch-römische Mehrheitskultur ab.

Ferner besteht ein Zusammenhang zwischen

- Radikalismus und Schriftauslegung: Dies ist ein Teilthema des vorigen, speziell interessant im Blick auf atl.-jüdisch-christliche Traditions- und Rezeptionsprozesse. Der enge Zusammenhang zwischen Apokalyptik und Schriftauslegung ist bekannt. In der ApkJoh ist er omnipräsent. Zwischen Vision und Schriftauslegung besteht ein enger Zusammenhang. Die radikale Weltsicht der ApkJoh ist nicht möglich ohne diese gewissermaßen doppelte Überschreitung des Vordergründigen mit den Mitteln der Vision und der Schriftauslegung. Im Blick auf moderne Phänomene ist christlicher Bibel- fundamentalismus einschlägig, aber auch das soziale Milieu von Koranschulen als Orten der Radikalisierung.

Kulturanthropologisch ist von Interesse ein möglicher Zusammenhang von

- Radikalismus und Askese: Askese ist radikal, weil sie sich gegen die eigenen Vitalbedürfnisse richtet. Der Einzelne wird zum Kampf- und Schauplatz einer Entscheidung zwischen Gut und Böse. Bei den Anachoreten gehörte das Fasten zum Kampf gegen die Dämonen. Askese und Martyrium sind verwandt, weil man den eigenen Vitalbedürfnisse teilweise oder (im Martyrium) ganz zuwider handelt. Das Martyrium kann auch zum Deutungsmuster von Alltagserfahrungen werden (1Petr). Das ist sozusagen eine Radikalisierung des Alltags. Das Selbstverständliche der eigenen Lebensvollzüge kommt abhanden. Sie werden zur einer todesaffinen Grenzerfahrung.

3. Planung der Tagungsreihe (Stand November 2016)

Die voranstehenden Überlegungen haben bei der Konzipierung der Tagungsreihe nur teilweise themenbildend gewirkt. Es handelt sich in erster Linie um Querschnitte, die als mögliche Leitfragen die gesamte Tagungsreihe begleiten können. Weitere Querschnitte werden im Laufe der Arbeit der Projektgruppe erwartungsgemäß hinzukommen, andere an Bedeutung verlieren.

3.1 Erste Tagung im März 2017: „Heiliger Krieg“

Die erste Tagung soll sich dem Thema „Religiöser Radikalismus“ anhand des Teilthemas „Heiliger Krieg“ annähern. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass religiöser Radikalismus häufig mit der Legitimation von Gewalt und Krieg einher geht. Die in etwa gleiche Gewichtung alt- und neutestamentlicher Themen soll in den folgenden Tagungen beibehalten werden. Folgende Referenten und Vortragsthemen sind vorgesehen:

Prof. Dr. Manuel Vogel (Jena): Einführung in die Tagungsreihe und das Thema der ersten Tagung
Prof. Dr. Tilman Seidensticker (Jena): Heiliger Krieg im Islam
Prof. Dr. Andreas Kunz-Lübcke (Hermannsburg): Eschatologisierung des Krieges bei Sacharja
Prof. Dr. Rüdiger Schmitt (Münster): Sakralisierung des Krieges im AT Prof. Dr. Michael Tilly (Tübingen): Die Makkabäerkriege
Prof. Dr. Veit Rosenberger (Erfurt): Kriegsideologie des Imperium Romanum
Prof. Dr. Simone Paganini (Aachen): Heiliger Krieg in der Kriegsrolle von Qumran (1QM) Prof. Dr. Bernhard Heininger (Würzburg): Heiliger Krieg in der Johannesoffenbarung
Dr. Blaise Feret Pokos (Hannover): Spiritual warfare in den Pfingstkirchen

3.2 Weitere Tagungen bis 2021

Die Tagung 2018 soll der Begriff „Eifer“ themagebend sein. Mögliche Vortragthemen sind:

- Fanatismus: psychologische Frage nach dem Persönlichkeitsprofil von Akteuren religiöser Radikalismen
- Vortrag eines Fachpsychologen zu einem noch zu bestimmenden Thema
- „Eifer“ (atl. jüdisch) und „Zorn“ (griechisch: ὀργή als Leitmotiv der Ilias) im phänomenologischen Vergleich
- ἐκπλήσσω als Raserei des Kriegshelden, allgemein antike Affekt-Theorien
- Zeloten
- Rezeptionsgeschichte von Num 25 (Eifer des Pinchas) in Judentum, Christentum, Islam
- Identifikation von Pinchas und Elia im Judentum
- Eifer und Sexualität:     - Intervention des Pinchas gegen eine Mischehe.
- 1Kor 7: Christus oder der Frau Gefallen als Alternative, in Verbindung mit
- 2Kor 11,2: „Eifer“ um die Gemeinde als Jungfrau für Christus

Für die Tagungen 2019-2021 sind folgende Themen vorgesehen:

- 2019: Religiöser Radikalismus: Kräfte und Gegenkräfte. Hier tritt zur Frage, was religiösen Radikalismus befördert, die komplementäre Frage hinzu, welche Kräfte und Faktoren gegenteilig wirken. Von Interesse sind insbesondere diejenigen Phänomene, auf die radikale Konzepte des Religiösen (Beispiel: Mischehenverbot bei Esra/Nehemia) reagieren, aber auch in Texten direkt greifbare integrative Konzepte.
- 2020: Religiöser Radikalismus und Bildung: hier kommen die unter (2.) skizzierten Überlegungen zum Tagen. Die verbreitete Auffassung, dass Bildung religiösem Radikalismus entgegen wirkt, ist zu problematisieren, mindestens aber zu differenzieren.
- 2021: Religiöser Radikalismus und Eschatologie: Zukunftshoffnungen wie auch Erwartungen des Katastrophalen können religiösen Radikalismus befördern und legitimieren. Andererseits können Zukunftsbilder, die eine Überwindung bestehender Gegensätze durch das eschatologische Gotteshandeln imaginieren, ein Handeln motivieren, das diese Überwindung bereits in der Gegenwart antizipiert.

4. Tagungsort

In räumlicher und konzeptioneller Kontinuität zu früheren Tagungsreihen im Rahmen einer Projektgruppe der WGTh (zuletzt: Religionsgemeinschaft und Identität. Prozesse jüdischer und christlicher Identitätsbildung im Rahmen der Antike, 2012-2016) sollen die Tagungen in der Evangelischen Familienferien- und Bildungsstätte Ebernburg, 55583 Bad Münster am Stein-Ebernburg, stattfinden.

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