Systematische Theologie

Antrag auf Unterstützung einer WGTh-Projektgruppe (Fachgruppe Systematische Theologie) Projekttitel: Unmündigkeit als Herausforderung für Gerechtigkeitsethik. Grundlagen, Probleme und Anwendungsfelder

 Antragsteller/in: PD Dr. Anne Käfer und PD Dr. Henning Theißen

Geplanter Förderzeitraum: 01.01.2015–31.12.2017

Beantragt wird eine Unterstützung der Projektgruppe in Höhe von 2000,- € pro Jahr. Der hier vorgelegte Antrag erläutert den Mittelbedarf sachlich und ressourcenmäßig. Wir beantragen die Übertragbarkeit der Mittel in das jeweils folgende Geschäftsjahr.

1. Absicht des Vorhabens

Mit dem geplanten Projekt ist beabsichtigt, die evangelisch-theologische Gerechtigkeits- debatte um Felder zu bereichern, auf denen gegenwärtig unabweisbare Probleme im Umgang mit menschlichem und nichtmenschlichem Leben bestehen.

Aktuelle ethische Problemkonstellationen, die nach Gerechtigkeit fragen, sind Herausforderungen im Umgang mit Kindern, Menschen mit geistiger Behinderung und Tieren. Diesen Geschöpfen ist gemein, dass sie selbst nicht fähig sind, sich für Gerechtigkeit und einen gerechten Umgang mit ihnen und ihresgleichen einzusetzen. Gleichwohl, so die These der Arbeitsgruppe, verleiht ihr moralischer Status ihnen ein Recht auf Gerechtigkeit.

Zu den fundamentalen Begründungszusammenhängen des gerechtigkeitsethischen Diskurses gehört die Einsicht, dass die Erfüllung von Gerechtigkeitsforderungen moralische Subjekte voraussetzt, denen Gerechtigkeit widerfahren kann. Die Kategorie des moralischen Subjekts ist also eng mit jeder Gerechtigkeitsethik verknüpft, ohne jedoch in dem Sinne ihre Voraussetzung darzustellen, dass zuerst das moralische Subjekt gegeben sein müsste, dem dann in einem zweiten Schritt die Gerechtigkeitsforderung begegnete. Das in der philosophischen Debatte verwurzelte Konzept der Befähigungsgerechtigkeit (s. v.a. M.C. Nussbaum) und ein theologischer Begriff der Gerechtigkeit konvergieren vielmehr darin, dass der Charakter von Gerechtigkeit leistungsunabhängig gedacht wird. Damit rücken solche Geschöpfe in den Fokus der Gerechtigkeitsethik, die ihren moralischen Subjektstatus nicht selbst ausdrücken oder geltend machen können. Sie können in diesem spezifischen Sinn einer 'stumm' bleibenden moralischen Subjekthaftigkeit als unmündig charakterisiert werden.

Die Projektgruppe setzt sich zum Ziel, die Herausforderung, die sich mit diesem Phänomen der Unmündigkeit für die Grundlagen und Anwendungen eine Gerechtigkeitsethik stellt, an aktuellen und exemplarischen Problemkonstellationen zu bearbeiten. Zu diesem Zweck führt sie innerhalb der Projektlaufzeit (2015–2017) zwei Fachtagungen durch und dokumentiert deren Ergebnisse in einem Sammelband als Veröffentlichung der WGTh.

2. Arbeitsbereiche des Vorhabens

Die Fragestellungen, auf die bei den Fachtagungen Antworten gesucht werden, betreffen u.a.

--   die Art und Weise, wie der moralische Status solch „unmündiger“ Geschöpfe im

Kontext verschiedener Ethikansätze bestimmt werden kann (s. 2.1.),

--   die Frage, welcher Umgang mit „unmündigen“ Geschöpfen aus Gerechtigkeits- gründen gefordert ist (s. 2.2.),

--   das Problem, wie der gerechtigkeitsethische Umgang mit den genannten Gruppen „unmündiger“ Geschöpfe verbindlich geregelt und auch rechtlich festgesetzt werden kann (s. 2.3.).

2.1. Moralischer Status unmündiger Geschöpfe

Die Arbeitsbereiche des Vorhabens ergeben sich einerseits aus drei gewählten Gruppen

'unmündiger' Wesen, die durch folgende gerechtigkeitsethisch relevante Phänomene miteinander verbunden sind: Die gängigen Kriterien des neuzeitlichen Subjektbegriffs (z.B. Selbständigkeit, Vernünftigkeit usw.) erfassen den moralischen Status dieser Unmündigen nur unzureichend; ihre Subjektqualität allein deshalb zu bestreiten, würde aber seinerseits ein genuines Gerechtigkeitsproblem aufwerfen. Die drei Gruppen sind die folgenden:

– Kinder,

– Menschen mit geistiger Einschränkung,

– Tiere.

Auf der anderen Seite speisen sich die Arbeitsbereiche des Vorhabens aus konkreten ethischen Fragestellungen, die sich im Blick auf Kinder, Menschen mit geistiger Einschränkung oder Tiere stellen. Die Liste solcher Fragestellungen ist lang; hier können nur einige Beispiele genannt werden, deren Bezug zur Gerechtigkeitsethik besonders augenfällig ist.

Einige Fragestellungen ergeben sich direkt aus der Unmündigkeit der genannten Gruppen im Vergleich zu den als ethischer Normalfall unterstellten Trägern moralischer Subjekthaftigkeit ('Mündige') oder aus den lebensweltlichen Bedingungen des Umgangs von Mündigen und Unmündigen – wobei in beiden Fällen der Vergleich selbst schon Teil des Problems ist.

2.2. Konkrete Gerechtigkeitsprobleme

Welche denkbaren Situationen von Kindeswohlgefährdung rechtfertigen ein Einschreiten Dritter gegen die Erziehungsberechtigten?

– Verwahrlosung hinsichtlich der Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Wohnung

– Vernachlässigung hinsichtlich der Bindung von Kindern an primäre Bezugspersonen z.B. im Kontext von Trennung und Umgang

– Missachtung des Rechts auf Kenntnis der eigenen Herkunft z.B. bei Samenspenderkindern

Welche Situationen werfen einen Konflikt zwischen der Selbstbestimmtheit des Lebens und einer angemessenen Betreuung bei Menschen mit geistiger Einschränkung auf?

– Zwangsernährung z.B. bei Menschen in der terminalen Lebensphase mit oder ohne Krankheitshintergrund

– Wahl von Sexualpartnern bei Menschen mit geistiger Behinderung

Welcher Umgang mit Tieren ge- oder verbietet sich bei Voraussetzung nicht von Interessen-, sondern lediglich von Leidensfähigkeit der Tiere in Abhängigkeit von dem Verhältnis, das Menschen in ihrem Nahbereich (Haus- oder Nutztiere) oder Fernbereich (Wildtiere) unterhalten z.B. im Blick auf

 – Massentierhaltung zur Nahrungserzeugung?

– Sport oder Jagd von/mit Tieren?

– Gefangenschaft von Tieren in Zoo oder Zirkus?

– Tierhaltung zu wissenschaftlichen Zwecken (z.B. Tierversuche, Rassenzucht, Xenotransplantation tierischer Organe auf den Menschen)?

 2.3. Mögliche rechtliche Regelungen

Andere Fragestellungen folgen aus der Notwendigkeit, die zur Lösung einschlägiger Probleme als notwendig erkannten Maßnahmen in ein durchführbares Verfahren umzusetzen. Dies betrifft folgende Fragestellungen.

In welchem Maße kann Gerechtigkeit für Unmündige gewährleistet werden durch

- Pflichten Mündiger (Erziehungsberechtigte, Betreuungspersonen, Tierhalterinnen und -halter) oder des Staates ihnen gegenüber?

- Rechte, womöglich Grundrechte der Unmündigen selbst unter Einschluss der Frage, welchen Rang diese besitzen (Kinder- oder Tierrechte mit Verfassungsrang und wie diese geltend gemacht werden können (z.B. durch Vormundschafts- und Betreuungsverhältnisse)?

 3. Arbeitsprogramm des Vorhabens 

Um die Behandlung der genannten Arbeitsbereiche im Rahmen von zwei Fachtagungen bewältigen zu können, wird die Projektgruppe Kolleginnen und Kollegen als Referierende sowie zur dauerhaften Mitwirkung während des Förderzeitraums einbeziehen. Insbesondere aber wird der thematische Stoff durch die Strukturierung der beiden Fachtagungen erschlossen.

Beide Fachtagungen richten sich an alle Interessierten. Sie finden an gut erreichbaren Orten statt und dauern jeweils zwei halbe Tage.

Das Tagungsprogramm ist in Panels organisiert, in denen Referate eine bestimmte Fragestellung für jede der drei genannten Gruppen Unmündiger erörtern. Zusammen mit einer Plenumsdiskussion beansprucht jedes Panel den Arbeitszeitraum eines Vor- oder nachmittags. Hinzu kommt jeweils ein Schwerpunktreferat. 

4. Vorläufiges Tagungsschema

4.1. Erste Fachtagung

Möglicher Termin: 20./21.05.2016 oder 27./28.05.2016

Erster Tag
14.00-14.15
Begrüßung, Einführung (Käfer, Theißen)
14.15-15.30
Grundlagenreferat mit Diskussion:
Ein christlicher Begriff von Gerechtigkeit (Michael Moxter, angefragt)
15.30-16.00
Pause
16.30-17.30
Panel 1: Moralischer  Status  Unmündiger
a) Tiere als Gerechtigkeitswesen (Markus Mühling, anfragt)
b) Kinder als Gerechtigkeitswesen (Frank Surall, angefragt)
17.30-18.00
Diskussion
18.00-19.00
Abendessen
19.30-21.00
Öffentlicher Abendvortrag
Why Animal Suffering Matters (Andrew Linzey, angefragt) 

Zweiter Tag
9.00-10.30
Panel 2: Konkrete Gerechtigkeitsprobleme
a) Was Kinder brauchen (Martin Wendte, angefragt)
b) Selbstbestimmung in der gerontologischen Ethik (Hans-Martin Rieger, angefragt)
10.30-11.00
Pause
11.00-11.30
c) Sinn und Unsinn der Kategorie Nutztier (NN)
11.30-12.00
Diskussion
12.00-13.00
Beobachterstatements und Verabredungen für die 2. Fachtagung

 

 4.2. Zweite Fachtagung

Möglicher Termin: 13./14.01.2017 oder 20./21.01.2017

Erster Tag
14.00-14.30
Begrüßung, Rückblick auf die 1. Fachtagung (Käfer, Theißen)
14.30-15.30
Panel 1: Missachtung der Subjektivität Unmündiger?
a) Rettungsgeschwisterkinder (Christina Schües, angefragt)
b) Spätabtreibung bei erwarteter geistiger Behinderung? (Torsten Meireis, angefragt)
15.30-16.00
Pause
16.30-17.00
c) Tierversuche und Xenotransplantation (Christoph Seibert, angefragt)
17.00-18.00
Diskussion
18.00-19.00
Abendessen
19.30-21.00
Öffentlicher Abendvortrag
Gerechtigkeitswesen und ihre Rechte (Reiner Anselm, angefragt)

Zweiter Tag
9.00-10.30
Panel 2: Möglichkeiten rechtlicher Regelungen
a) Kinderrechte und Erzeugerpflichten (André Munzinger, angefragt)
b) Recht auf Fortpflanzung für Menschen mit geistiger Behinderung (Alexander Dietz, angefragt)
10.30-11.00
Pause
11.00-11.30
c) Grundrechte für Tiere (Friedrich Lohmann, angefragt)
11.30-12.00
Diskussion
12.00-13.00
Beobachterstatements und Verabredung der Veröffentlichung

 

6. Ressourcenplanung des Vorhabens 

6.1. Zeitplan (inkl. Vorarbeiten)

Wann?

Was?

1. Quartal 2015

Entwurf der Projektdarstellung

2. Quartal 2015

Verbreitung der Projektdarstellung in der WGTh-Fachgruppe Systematische Theologie

3. Quartal 2015

Präsentation der Projektgruppe bei der Fachgruppentagung Systematische Theologie

4. Quartal 2015

Antragstellung bei der WGTh

1. Quartal 2016

Vorbereitung der 1. und 2. Fachtagung

2. Quartal 2016

Durchführung der 1. Fachtagung

3. Quartal 2016

Vorbereitung der 2. Fachtagung

4. Quartal 2016

Nachbereitung der 1. Fachtagung (u.a. Einholen der Manuskripte)

1. Quartal 2017

Durchführung der 2. Fachtagung

2. Quartal 2017

Nachbereitung der 2. Fachtagung (Drucklegung Dokumentationsband)

3. Quartal 2017

Veröffentlichung des Dokumentationsbandes zum WGTh-Kongress in Wien

4. Quartal 2017

Projektabschluss (Abrechnung, Verwendungsnachweis)

6.2 Finanzplanung 

Wann? Was?     Wieviel?

2. Quartal 2016

Unterkunft für 10 Pers. (Referenten und Initiatoren)
bei der 1. Fachtagung für 1 Übernachtung zu 75,- €

750,00 €

 

Reisekosten für 10 Pers. zur 1. Fachtagung

2.000,00 €

 

2 x Pausenverpflegung für 10 Pers. zur 1. Fachtagung

200,00 €

1. Quartal 2017

Unterkunft für 10 Pers. (Referenten und Initiatoren)
bei der 2. Fachtagung für 1 Übernachtung zu 75,- €

750,00 €

 

Reisekosten für 10 Pers. zur 2. Fachtagung

2.000,00 €

 

2x Pausenverpflegung für 10 Pers. zur 2. Fachtagung

200,00 €

 

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